2 Veranstaltungsankündigungen über unsere Solireisen 2016

Liebe Internationalist_innen,

am 29.11.2017 wird es bei in einer Veranstaltung bei ver.di einen ersten Bericht (den Athen Teil im September) unserer diesjährigen Griechenland Solireise geben. Nach wie vor ist Griechenland in seiner abhängigen Position im Fokus der Angriffe,  gesellschaftliche Verhältnisse nach neoliberalem Muster um zubauen.

aus dem Einladungstext: “

"Wir (die „Gewerkschaftliche Solidaritätsgruppe Griechenland“) sind eine Gruppe engagierter Kolleginnen und Kollegen, die seit 2012 in einem regelmäßigen Austausch mit griechischen Gewerkschaften und sozialen Projekten der Selbstverwaltung stehen.

Wir kommen aus verschiedenen Gewerkschaften (ver.di, IGM, GEW) und verschiedenen Städten (Berlin, Hamburg, Darmstadt, Hanau, Salzgitter). Bisher besuchten wir jährlich im September in einer größeren Gruppe unsere Partner in Griechenland; jedes Frühjahr luden wir eine Gruppe griechischer GewerkschafterInnen ein, um in verschiedenen deutschen Städten auf Veranstaltungen über die Situation in Griechenland zu informieren.

    am Dienstag, den 29. November, von 19.30-21.30 Uhr,
in der ver.di
Bundeszentrale, Paula-Thiede-Ufer 10, 10179 Berlin
im Raum Nabucco (Basisgeschoss/gegenüber von Raum Aida).

14705673_317238001977958_168198130422852276_nDer zweite Teil unserer Reise (mit Schwerpunkt Selbstorganisation) fand Anfang November statt. Erste Eindrücke werden auf einer Veranstaltung des Bildungswerkes der Heinrich Böllstiftung wiedergegeben:

Mittwoch, 30. November 2016 – 19:0021:30
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung

Workers Economy in Thessaloniki III : Solidarische Klinik Thessaloniki

 „Von Anfang an haben wir gesagt, dass es uns nicht nur nicht interessiert ob wir legal sind, sondern das wir illegal bleiben möchten.“

Am Rande der 2. Euromediterranean „Workers Economy“ Konferenz in Thessaloniki  sprachen wir mit einem der Ärzte über den Aufbau eines selbstorganisierten Gesundheitswesens in Griechenland.

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Workers Economy in Thessaloniki II : Mehr als eine Nische

Kongressbericht: Arbeiter*innen selbstverwalteter Betriebe diskutieren in Thessaloniki.

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© Giovanni Lo Curto

Am zweiten Tag der Euromediterranean „Workers Economy“ Konferenz fanden sich mit über 250 Besucher_innen deutlich mehr Leute als am Vortag in der Haupthalle des selbstverwalteten Betriebs Vio.Me ein. Im Unterschied zum ersten Tag wurden verschiedene Fragen der Selbstverwaltung konkreter diskutiert. So erläuterten Vertreter_innen des Sozialen Zentrums „Micropolis“ aus Thessaloniki, welche Schwierigkeiten sich beim Aufbau einer sozialen, auf Solidarität beruhenden, Ökonomie auftun. Hier wurde deutlich, welche Zusammenhänge und Ähnlichkeiten zwischen einer selbstverwalteten Kooperative und der Organisierung sozialer Bewegungen bestehen. Dazu werden wir in den nächsten Tagen noch einmal ausführlicher berichten.

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Workers Economy in Thessaloniki I : Selbstverwaltung und Würde

Ein Kongress zu selbstverwalteten Betrieben hat in Thessaloniki hat seine Türen geöffnet

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© Giovanni Lo Curto

Vom 28. bis 30. Oktober findet in den Fabrikhallen von Vio.Me in Thessaloniki der 2. Euromediterranean „Workers Economy“ Kongress statt. Vio.Me war im Jahr 2013 besetzt worden, nachdem der Besitzer monatelang die Arbeiter_innen nicht bezahlt hatte. Nun produziert der ehemalige Baustoffbetrieb in Selbstverwaltung ökologische Reinigungsmittel und beteiligt sich an den vielfältigen sozialen Protesten in der Stadt. Ein passender Ort also, um selbstverwaltete Betriebe und politische Kollektive aus über 16 Ländern willkommen zu heißen. Dutzende Initiativen stellen hier ihre Organisierungskonzepte und Erfahrungen vor und nutzen den Raum der Konferenz zum Austausch und zur internationalen Vernetzung. Neben einer Vielzahl europäischer Kollektive geben auch mehrere Betriebe aus Südamerika einen Überblick über ihre Aktivitäten.

Vor über 150 Besucher_innen wurde der Kongress am Freitag mit einer Eröffnungsrede von einem Arbeiter des Vio.Me-Kollektivs, einem Vertreter vom Organisationskomitee des Kongresses, Andres Ruggeri aus Argentinien und Benoit Borrits von der „Association pour l´Autogestion“ aus Frankreich eröffnet. In vier größeren Veranstaltungen berichteten unterschiedliche Kollektive von ihrer Entstehung und ihren Prinzipien. Eines ist dabei mehr als klar geworden: Alle setzen auf Selbstverwaltung und basisdemokratische Entscheidungsstrukturen.

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Die Internetpause ist vorbei

Liebe FreundInnen, wie ihr mitbekommen habt, wurde unsere Seite längere Zeit nicht mehr gepflegt und so habt ihr keine Infos über unsere 2 Reisen nach Griechenland und dem Gegenbesuch der GriechInnen im Jahre 2016 hier erhalten. Wir werden versuchen das in den nächsten Wochen nachzutragen und euch wieder mit aktuellen Infos versorgen.

 

Fahrt nach Skouries / Chalkidiki

Fahrt nach Skouries / Chalkidiki am Samstag den 26. September

Am nächsten Morgen war organisatorisch alles ganz schnell geklärt. Die Fahrer holten die Klein-Busse bei der Vermietung am Flughafen ab und beide Gruppen führen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Treffpunkt auf halber Strecke außerhalb der Stadt. Dadurch ersparten wir den Fahrern, sich durch meist dichten Verkehr in der Großstadt zu quälen.

Die ungleichen Gruppengrößen wurde durch den PKW von Anthi ausgeglichen, die mit nach Idomeni fuhr.
Wir hatten es sehr bequem zu fünft im Neunsitzer Bus. Am wolkenverhangenen Himmel konnten wir in der Ferne den kegelförmigen Olymp sehen. Die Götter hatten sich im Nebel verschanzt. R. meisterte die kurvenreiche Strecke souverän, auch als der Regen einsetzte, der immer beständiger und heftiger wurde.
In Anea, einem Ort ganz in der Nähe unseres Ziels, waren Transparente über der Straße gespannt. Wir konnten entziffern, dass „metalurgische Arbeitsplätze“ gefordert werden.

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Perka, ein grünes Paradies am Rand der Stadt

Thessaloniki, 25.09.2015

Am Freitag machten wir uns auf nach Perka. Perka 1-7 sind Gärten, die von verschiedenen Gruppen betrieben und selbst verwaltet werden. Sie befinden sich auf einem nicht mehr genutzten Kasernengelände. Die Gärten sind in kleine Parzellen aufgeteilt, in denen Obst und Gemüse angebaut werden. Es gibt auch ein paar Hühner und einen Hahn.
Perka
Ein wild kläffender Hund kündigte unser Kommen an.
Wir trafen in einem der Gärten Betty, die uns ein wenig über das Projekt erzählte.
2003 gab die griechische Armee das Gelände auf und zog auf ein anderes außerhalb der Stadt. Das Grundstück gehört seit 1912 dem griechischen Staat, der über die weitere Nutzung bisher nicht entschieden hat. Die Zwischennutzung zum Gartenbau wird bisher geduldet. Bewohnt sind die Gärten nicht, es gibt allerdings ein Gästehaus. Da es sich um Eigentum des griechischen Staates handelt, droht die Privatisierung: Das 3. Memorandum sieht vor, dass das griechische Staatseigentum verscherbelt wird, um damit die Schulden zu bezahlen.

Die Erde der Gärten wurde auf Rückstände untersucht; sie soll für den Gartenbau geeignet sein. Der Boden ist allerdings besonders steinig, weil das Militär den Boden mit kleinen Steinen (Kieselsteinen) bedeckt hatte, um Wege anzulegen etc.
Sie könnten eine größere Fläche bewirtschaften; der Bedarf wäre da, die Bevölkerung im Stadtteil und in Thessaloniki unterstützt das Projekt. Aber das Problem ist das Wasser: Sie nutzen zur Bewässerung das Grundwasser und davon gibt es im Sommer nicht genug. Sie bewässern abwechselnd die Gärten, nie alle gleichzeitig, es reicht nicht für alle. Einige haben Wasserspeicher aufgestellt. Es gibt außerdem noch eine Trinkwasserleitung, die an die Wasserversorgung Thessalonikis angeschlossen ist. Die Produkte werden für den Eigenbedarf angebaut. Was übrig ist, geben sie einem Laden im Stadtteil, der kostenlos Lebensmittel an Bedürftige verteilt.
Wir werden wiederkommen und haben Tel.-Nr. ausgetauscht. Wir möchten Kontakte zu anderen Gärten, wie z. B. den Prinzessinnengärten in Kreuzberg, herstellen. Perka ist auf dem Kasernengelände Karatasou. Der Bus 38 fährt direkt hin, der Bus 27 hält in der Nähe.
(Brian)

Vio.Me

Thessaloniki, 25.09.2015

Am Morgen hat sich die Gruppe noch weiter aufgeteilt. Einige treffen sich mit dem Professor Athanasius Marvakis, um von ihm zu erfahren, wie sich die aktuelle Situation auf die Unipolitik auswirkt. Einige wollen die Community-Gärten von Perka besuchen. Eine Gruppe ist mit einem ganz konkreten Flüchtlingsproblem beschäftigt, so dass wir eine sehr kleine Delegation sind, die zu vio.me fährt.

Vio.Me Foto: Giovanni Lo Curto

Vio.Me
Foto: Giovanni Lo Curto

Vorher machen wir noch einen kleinen Abstecher in die Gesundheitsstation. Ro und Cordula kommen mit und Christiane, die auf eigene Faust aus Göttingen gekommen ist und sich unserer Gruppe anschließt. Sie hat eine Riesentasche mit Medikamenten dabei, die sie in der „Klinik“ abgibt. Sokratis erwartet uns schon, aber auch viele andere alte Bekannte begrüßen uns.

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Zwei Südamerikaner kommen herein Sie sind mit Eva verabredet, um die Arbeit der Klinik kennenzulernen. Pablo kommt aus Kolumbien und Rodrigo aus Chile. Es stellte sich heraus, dass beide aus Kreuzberg kommen und Foto und Filmreportagen auf den Spuren der Flüchtlinge machen.
Die kurzen spannenden Unterhaltungen sprengten bald unser Zeitbudget, so dass Sokratis anbot uns noch in die Stadt zu fahren, wo wir Christina aus dem Café abholten, in der die Gruppe mit Mavrakis diskutierte. Letztlich kamen wir mit (nur) 20 Minuten Verspätung an der Bushaltestelle nahe Vio.Me an. Anthi erwartete uns bereits.
In der Fabrik wurden wir enthusiastisch von Dimitri begrüßt. Es war schon eine Journalistin aus Deutschland da, deren Gespräch mit der Buchhalterin wir leider störten. Dafür bezogen wir sie in unser Gespräch ein, das wir dann auf Deutsch führten. Wir versuchten die Vorgeschichte für sie so knapp wie möglich abzuhandeln. (Dabei blieb für die Neuen vielleicht einiges im Unklaren.)
Mich interessierte vor allem der Stand der juristischen Auseinandersetzung, nachdem die Alteigentümerin einen Titel zur Zwangsversteigerung erstritten hatte. Dimitri schien den juristischen Fragen wenig Bedeutung zu zumessen. „Mal gewinnen wir einen Prozess, mal verlieren wir einen“. Vor kurzem gab es einen kleinen Polizeieinsatz, weil der Konkursverwalter nicht auf das Werksgelände gelassen wurde. Der Konkursverwalter hat noch bis November Zeit um eine Bestandsaufnahme der Waren und der Maschinen und Anlagen zu machen. In den (fingierten) Büchern stehen noch 120 Tausend € Schulden an die Muttergesellschaft Lafarge. Diese sollen jetzt über eine Zwangsversteigerung beigetrieben werden. Lafarge hat vor kurzem seinen letzten Betrieb in Griechenland geschlossen und alle Arbeiter entlassen.

Diskussion bei Vio.Me Foto: Giovanni Lo Curto

Diskussion bei Vio.Me
Foto: Giovanni Lo Curto

„Letztlich haben wir hier unsere Genossenschaft und wir werden hier bleiben.“
Der Verkauf der Seife, die die neue Genossenschaft auf der Basis von natürlichen Rohstoffen wie Olivenöl, ätherischen Ölen aus Pinien und einheimischen Kräutern usw. herstellt, läuft sehr gut. Manchmal kommt die Produktion der Nachfrage gar nicht hinterher. Der manuelle Produktionsprozess ist sehr aufwendig und die Seife braucht zwei Monate zu reifen. Mit den anderen Produkten, Flüssigseife, Reiniger und Waschmittel, ist die Genossenschaft allerdings weniger erfolgreich. Es gibt Qualitätsprobleme, die gelöst werden müssen. Zurzeit sind nur noch 10 Leute in der Produktion beschäftigt. 12 weitere sind noch Mitglied der Genossenschaft. Die Arbeitszeit ist von Montag bis Freitag von 7 bis 15 Uhr. Dazu kommen noch Schichten um das Gelände zu bewachen. Die Arbeiter erhalten 30 € am Tag. Das ist soviel/wenig, wie das Arbeitslosengeld sein würde.
Die Arbeiter von Vio.Me heben immer wieder ihre demokratische Entscheidungsstruktur hervor. Alles wird in Vollversammlungen besprochen und entschieden. Alle ein bis zwei Monate gibt es bei Vio.Me auch Versammlungen von selbstorganisierten Initiativen aus der Region und aus dem ganzen Land. Natürlich geht es dabei um politische Fragen, wie man sich vernetzen kann und gemeinsam Widerstand organisieren gegen die menschenfeindliche neoliberale Politik.
Natürlich hat Syriza versprochen den Kampf von Vio.Me zu unterstützen und hatte es sogar zum Ziel erklärt, dass leer stehende Betriebe von den Arbeiter*innen übernommen werden…Die Erwartungen an die neue Regierung sind jetzt gering.
Apostolos, der Mann von Anthi, kommt dazu und berichtet von seinem Film, einer Langzeit- Dokumentation über den Kampf der Arbeiter*innen von Vio.Me der letzten vier Jahre. Der Film ist fast fertiggestellt und wird auf dem Dok-Filmfestival in Amsterdam im November gezeigt werden.

Reisegruppe und Vio.Me Workers Foto: Giovanni Lo Curto

Reisegruppe und Vio.Me Workers
Foto: Giovanni Lo Curto

Reisegruppe und Vio.Me Workers Foto: Giovanni Lo Curto

Reisegruppe und Vio.Me Workers
Foto: Giovanni Lo Curto

15 Uhr: Feierabend. Apostolos hatte ein kleines Restaurant auf der anderen Straßenseite entdeckt. Es war die Kantine einer kleinen Werft direkt am Meer. Das Essen ist vorzüglich. (Nie hatte ich so leckeren Tintenfisch.) Als Tischgetränk gibt es Tsiparo.
Wir diskutieren angeregt mit Anthi über die Situation in Griechenland und auch über die deutsche Politik. Ulrike wollte noch ein Interview mit den Arbeitern für die „Contraste“, wurde dann aber selbst aufs heftigste interviewt.
Nur die besonnensten von uns schafften es zum verabredeten Treffen der Gruppe um 19 Uhr im Hotel zu sein. Ich gehörte nicht dazu. Der Bus, mit dem ich zurückfuhr, blieb im Stau stecken wegen einer Demo auf der Egnatia. Irgendwann stiegen alle Leute aus und gingen zu Fuß weiter. Ich beschleunigte meine Schritte und holte dann die Demo noch ein. Dort treffe ich einige andere aus unserer Gruppe. Unsere Vollversammlung war wohl doch nur eine Teilversammlung. …

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Foto: Giovanni Lo Curto

….Nachtrag
Warten auf Godot.
Ich blieb im Hotel, weil ich noch auf zwei Leute aus der Athener Gruppe warten wollte. Sie waren in Distomo, hatten aber auch unser Programm in Thessaloniki als Option. Ich wartete an diesem Abend vergeblich, weil das Navigationsgerät, das sie benutzten, die beiden ordentlich in die Irre geführt hat.
Als Nachzügler ging ich noch ins Steki Methadoston. (Treffpunkt /Flüchtlingscafé)
Yannis wollte dort über die aktuelle Situation an der Grenze berichten. Den Vortrag habe ich verpasst. Danach gab es aber Rembetiko, Essen und Trinken mit Hunderten von Leuten: Eine Riesenparty… Und am nächsten Morgen sollten wir pünktlich um halb neun auf der Matte stehen.

Der Besuch im Parlament

Zoe Konstantopoulou in Exarchia mit den Solidaritätsreisegruppe. Foto: Giovanni Lo Curto

Zoe Konstantopoulou in Exarchia mit den Solidaritätsreisegruppe.
Foto: Giovanni Lo Curto

Mittwoch, 23.09.2015

Nach dem Treffen mit den Basisgewerkschaften gingen wir am Dienstagabend
gemeinsam zum Essen in eine Taverne im Stadtteil „Exarchia“. Der Zufall wollte es, dass sich Zoe Konstantopoulou, die unerschrockene Parlamentspräsidentin, ebenfalls dort aufhielt.

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Jemand muss ihr von unserer Solidaritätsreise erzählt haben. Denn auf einmal hiess es, auf einer Pressekonferenz im griechischen Parlament werde morgen der Bericht der Wahrheitskommission über die öffentlichen Schulden Griechenlands erläutert. Und nun soll eine Delegation von uns daran teilnehmen und angeblich kurz unsere Reisegruppe vorstellen. Andi hatte keine Lust, ins Parlament zu gehen, und sagte zu uns: „Macht ihr das!“ Eine Liste mit unseren Namen wurde übergeben, damit wir am nächsten Tag beim Eingang identifiziert und hereingelassen werden können.

Zoe Konstantopoulou. Bericht der Wahrheitskommission über die öffentlichen Schulden Griechenlands. Foto: Giovanni Lo Curto

Zoe Konstantopoulou. Bericht der Wahrheitskommission über die öffentlichen Schulden Griechenlands.
Foto: Giovanni Lo Curto

Als ich um die Mittagszeit vor dem Parlamentsgebäude auf Ulrike und Brian warte, stehen dort scharenweise Touristen und fotografieren die folkloristisch anmutende Wachablösung am Grab des unbekannten Soldaten. Schlagartig wird mir bewusst, in welch privilegierter Stellung unsere Reisegruppe ist. Während die allermeisten sich mit dem Betrachten der Parlamentskulisse begnügen müssen, werden wir in Kürze die wohl einmalige Gelegenheit haben, einen Blick dahinter zu werfen und – obgleich nur als Zuschauende – an einer wichtigen Auseinandersetzung der griechischen Politik teilzuhaben.

Der Eingang zum Parlament befindet sich an einer Stirnseite des Gebäudes und ist gut bewacht. Es ist dasselbe Prozedere wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Anschliessend werden wir von einem der Sicherheitsleute ins Innere der heiligen Hallen begleitet. Allerdings nicht ohne zuvor eine weitere Kontrolle durchstehen zu müssen, bei der der Reisepass eingezogen wird und alle ein Ansteckschild erhalten, das sie als rechtmässige Besucher_innen ausweist.

Die Konferenz wird in einem Nebensaal des Parlamentes abgehalten. Die
Ausstattung ist dieselbe, samt Fernsehkameras, die das Geschehen von allen Seiten filmen. Zoe Konstantopoulou eröffnet die Veranstaltung, die sich schnell einmal als öffentliche Tagung der Wahrheitskommission entpuppt, die aus hochkarätigen Wissenschaftlern verschiedener Länder zusammengesetzt ist, darunter Eric Toussaint, Dozent an den Universitäten Lüttich und Paris VIII und Vorsitzender des Komitees zur Streichung der Schulden der Dritten Welt.

Ulrike, Rainer und Brian Delegation reisegruppe. Bericht der Wahrheitskommission über die öffentlichen Schulden Griechenlands. Foto: Giovanni Lo Curto

Ulrike, Rainer und Brian Delegation reisegruppe.
Bericht der Wahrheitskommission über die öffentlichen Schulden Griechenlands.
Foto: Giovanni Lo Curto

Simultanübersetzungen gibt es auf Griechisch, Englisch und Französisch. Wer keiner dieser Sprachen mächtig ist, hat das Nachsehen. Ich versuche, den Vorträgen auf Französisch zu folgen. Die Übersetzung ist jedoch bestenfalls mittelmässig, so dass mir oft der Zusammenhang entgeht. Das ist sehr schade, denn die Ausführungen von Zoe Konstantopoulou über den bisherigen Verlauf der Wahrheitskommission und über die Steine, die ihr in den Weg gelegt werden, sind – soweit ich es verstanden habe – sehr brisant. Auch nach ihrer faktischen Absetzung als Parlamentspräsidentin (zu einer von ihr im August einberufenen Sitzung erschienen nur ganz wenige Abgeordnete) nahm sie ihre Funktion weiterhin wahr und reiste anfangs September, als das griechische Parlament bereits aufgelöst war, nach New York, um an der 4. Weltkonferenz der Parlamentsvorsitzenden zu sprechen. Ihre auf Englisch gehaltene Rede ist auf YouTube dokumentiert: www.youtube.com/watch?v=oiTvwZKyuoY (oder kann hier nachgelesen werden: http://cadtm.org/Zoe-Konstantopoulou-s-speech-at).

Dort findet man übrigens auf dem TV-Kanal des hellenischen Parlamentes auch die gesamte Tagung der Wahrheitskommission (www.youtube.com/watch?v=_l1NVaT08fQ), allerdings nur in griechischer Sprache.

Im Laufe des Nachmittags kommt auf einmal Giannis Stathas, der kämpferische
Aluminium-Arbeiter aus Distomo, herein. Als er uns erkennt, grüsst er erfreut mit erhobener Faust quer durch den Saal und setzt sich anschliessend zu uns hin. Im Juli 2012, beim überraschenden Wahlerfolg von Syriza, wurde er als einziger Industriearbeiter ins Parlament gewählt. Da er sich der „Laiki Enotita“ angeschlossen hat, ist er nun sein Abgeordnetenmandat losgeworden. Ob er darüber unglücklich ist? Danach fragen konnte ich ihn nicht, doch ich erinnere mich, wie er uns im Mai 2013 in Berlin erzählte, seit er im Parlament sitze, habe er zum ersten Mal Magenprobleme. Später einmal machte er klar, was ihm Magenschmerzen bereitete: „Früher glaubte ich immer, der Feind stehe gegenüber. Nun musste ich feststellen, dass er auch neben mir sitzt.“ Das war zu einem Zeitpunkt, lange bevor Syriza Regierungspartei wurde.

parlament5Nur nebenbei sei erwähnt, dass wir keine Gelegenheit bekommen haben, der Wahrheitskommission unsere Reisegruppe vorzustellen. Das war wohl ein Missverständnis, das ich sehr bald als solches vermutete, obwohl wir das beklemmende Gefühl nie ganz los wurden, wir könnten vielleicht doch noch aufgerufen werden, um dann auf Griechisch, Englisch oder Französisch unsere Stellungnahme abzugeben. Glücklicherweise blieb uns das erspart.

Um halb fünf, nachdem unsere Aufnahmefähigkeit merklich nachgelassen hatte, beschlossen Ulrike und ich, den Saal zu verlassen. Brian musste bereits vorher weg. Er hatte die Fahrkarten, mit denen ein Teil der Reisegruppe mit dem 16 Uhr-Zug nach Thessaloniki fuhr.

(Rainer)

 

Treffen mit Basisgewerkschaften

Athen, 22.09.2015

Zuerst erläuterte Nicos (Gewerkschaft Buch und Papier) uns, wie die Gewerkschaften in Griechenland organisiert sind.

Treffen mit Basisgewerkschaften. Foto: Giovanni Lo Curto

Treffen mit Basisgewerkschaften.
Foto: Giovanni Lo Curto

Es gibt 3 Ebenen der Organisation:

  • Basisgewerkschaften in den Betrieben
  • Branchengewerkschaften in jeder Stadt (Zusammenschlüsse aus Betrieben/Branchen/Regionen)
  • Dachverbände:
    • GSEE für Beschäftigte in Privatunternehmen
    • ADEY für Beschäftigte in staatlichen Unternehmen

Vor der Krise war der gewerkschaftliche Organisierungsgrad schon eher niedrig, in der privaten Wirtschaft bei ca. 10-12 %, bei den Staatsangestellten waren ca. 30% gewerkschaftlich organisiert.

In der Krise geriet auch die Gewerkschaftsbewegung in eine Krise. Viele Gewerkschafter in der Privatwirtschaft wurden arbeitslos, das Tarifrecht wurde ausgehebelt. Dadurch wurde es schwieriger, Leute vom Sinn gewerkschaftlicher Arbeit zu überzeugen. Der Mindestlohn ist staatlich festgelegt und beträgt zurzeit 586 EUR brutto/Monat. Tarifverträge gibt es nicht mehr, das Tarifvertragsrecht wurde von der TROIKA außer Kraft gesetzt.

In Griechenland gibt es zurzeit 1,2 bis 1,3 Mill. Arbeitslose. Auch dadurch haben die Gewerkschaften an Bedeutung verloren.

Die großen Verbände haben sich mehr um die eigenen Funktionäre gekümmert als um Arbeitskämpfe. So haben z. B. die Energieverbände die Memoranden unterstützt. Die Gewerkschaften sind nach Parteinähe organisiert.

1. Basisgewerkschaft Buch und Papier:

Nikis und Nikiforos berichteten über ihre Situation und über die Arbeitskämpfe, die sie führen.

Die Entwicklung im Buchhandel geht dahin, dass die Buchhändler_innen nicht mehr nur Bücher im Sortiment haben, sondern auch elektronische Geräte, wie z. B. Tablets. Die Gewerkschaft Buch und Papier hat daraufhin ihr Statut geändert, so dass auch nicht nur Buchhändler_innen, sondern auch Verkäufer_innen von elektronischen Geräten Mitglied werden können. Nur ein kleiner Teil der in Buchhandlungen Arbeitenden ist gewerkschaftlich organisiert. Viele Buchläden mussten wegen der Auswirkungen der ökonomischen Krise schließen. Die Angestellten wurden daraufhin meistens arbeitslos. In der Gewerkschaft können sich auch Arbeitslose organisieren, d.h., sie können Mitglied bleiben, wenn sie ihren Job verlieren.

Die Gewerkschaft hat ca. 500 Mitglieder. An der Vollversammlung, die letzte Woche stattfand, haben sich 130 Leute beteiligt. Es gibt einen Kern von 20-30 Aktiven.

Der größte Erfolg der Gewerkschaft war ein branchenweiter Tarifvertrag gewesen. Als dieser in der Krise außer Kraft gesetzt wurde, war das ein schwerer Schlag für die Gewerkschaft.

Sie kämpfen heute für bessere Arbeitsbedingungen und haben es erfolgreich durchgesetzt, dass Leute, die entlassen wurden, wieder eingestellt werden mussten. Solche Erfolge stärken die Moral, erhöhen die Anziehungskraft der Gewerkschaft. Sie kämpfen gegen die Einführung der Sonntagsarbeit, der Arbeit an allen sieben Tagen der Woche. Die Gewerkschaft ruft regelmäßig dazu auf, sonntags zu streiken. Sie stellen sich dann mit Flyern vor die Geschäfte und haben so gerade erst in der Haupteinkaufsstraße von Athen 40 Geschäfte blockiert. Die Angestellten in den Geschäften haben sich allerdings zum größten Teil dem Streik nicht angeschlossen.

Treffen mit Basisgewerkschaften. Foto: Giovanni Lo Curto

Treffen mit Basisgewerkschaften.
Foto: Giovanni Lo Curto

Sie lehnen jede Art von Stellvertretung ab, wollen nicht für andere kämpfen, sondern kämpfen mit anderen zusammen für ihre Rechte. Die Zusammenarbeit mit anderen Gewerkschaften ist für sie wichtig, ebenso wie die Zusammenarbeit mit Stadtteilinitiativen sowie mit Partnern in Arbeitervereinen. Sie führen gemeinsame Kämpfe mit Flüchtlingen, Antirepressionsbewegungen, Drogeninitiativen, Zapatisten.

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Und sie kämpfen gegen die Kriminalisierung und Verfolgung von Gewerkschaftern. Nikos ist Vorsitzender der Gewerkschaft. Er wurde im Losverfahren dazu bestimmt. Er fing an, im Buchhandel zu arbeiten, als es noch Tarifverträge gab. Als der Betrieb, in dem er arbeitete, schließen musste, standen alle Angestellten auf der Straße. Er ist jetzt in einer Buchhandelskette beschäftigt, die Schreibwaren, Bücher und Elektroartikel verkauft. Sie hat ca. 1.300 Angestellte.

Der Mindestlohn betrug bis zur Krise 850 Euro brutto. Er wurde auf 580 Euro abgesenkt, unter 25Jährige „dürfen“ noch weniger verdienen.
Die meisten seiner Kollegen haben Individualverträge unterschrieben und Syriza gewählt.

Die Arbeitsverträge enthalten meistens Klauseln, wonach gewerkschaftliche Betätigung verboten ist; d. h., man muss unterschreiben, kein Gewerkschaftsmitglied zu sein. Das ist zwar rechtlich nicht zulässig, aber viele lassen sich dadurch einschüchtern und es erschwert die gewerkschaftliche Organisierung.

Der Gewerkschaftsbeitrag beträgt 15 Euro im Jahr.

Viele seiner Kolleg_innen haben einen Uni-Abschluss und sind in diversen Bewegungen aktiv, haben allerdings keine Erfahrung mit gewerkschaftlicher Organisation. Sie haben in der Regel 4-Std.-Verträge mit flexiblen Arbeitszeiten und werden oft mit Coupons bezahlt: Das ist eine Art von Lohnzuschuss. Sie erhalten die Coupons vom Staat, der Arbeitgeber muss weniger Lohn zahlen, spart also Lohnkosten.

Die TROIKA hat das Tarifrecht ausgehebelt, der Mindestlohn wurde als Gesetz verabschiedet. Für die Leute, die in den Ketten arbeiten, herrschen Arbeitsbedingungen wie auf einer Galeere.

Die Waffe der Gewerkschaften ist der Streik; es geht darum, Widerstandszentren zu bilden.

2. Gewerkschaft der Servicekräfte und Köche etc. (Gastgewerbe)

Treffen mit Basisgewerkschaften. Foto: Giovanni Lo Curto

Treffen mit Basisgewerkschaften.
Foto: Giovanni Lo Curto

Babis und Kiriakos erzählen:
Es geht zu wie in einem Schlachthaus. Es gibt viel „Schwarzarbeit“, also Beschäftigung ohne Sozialversicherung, ohne Steuern, Geld bar auf die Hand (oder gar nicht). Viele Arbeitgeber haben Kontakt zur griechischen Mafia und terrorisieren ihre Angestellten. Migranten sind oft illegal beschäftigt, z. B. als Tellerwäscher, zu Minilöhnen, arbeiten in der Saison sieben Tage die Woche 15 Std. am Tag.

Oft sind es junge Leute, die sich etwas dazuverdienen wollen oder ihren Job als vorübergehend betrachten, bis sie etwas Besseres gefunden haben. Daher akzeptieren sie diese miesen Arbeitsbedingungen. Der Lohn beträgt 3-5 Euro pro Stunde und es handelt sich in der Regel um Schwarzarbeit. Einen normalen Arbeitsvertrag mit Zuschlägen für Nacht und Sonntagsarbeit hat in dieser Branche fast niemand.

Die gewerkschaftlich Organisierten sind in der Regel zwischen 20 und 35 Jahre alt. Die Basisgewerkschaft ist klassenbewusst und basisorientiert, ohne Fraktionen und Parteien. Es gibt einen rein formalen Vorstand, da dieser gesetzlich vorgeschrieben ist. Der aktuelle Vorstand wurde per Losverfahren bestimmt. Jeden Mittwoch findet eine Gewerkschafterversammlung statt, auf der über Strategie und Taktik diskutiert und von der Situation in den jeweiligen Betrieben berichtet wird. Dann wird entschieden, wo sie aktiv werden müssen. Meistens geht es um ausstehende Löhne; viele Interventionen sind erfolgreich; es wurden Löhne von 1.000 bis zu 10.000 Euro eingetrieben. Gründe für Interventionen sind auch sexuelle Übergriffe von Chefs auf ihre weiblichen Angestellten, die ziemlich häufig vorkommen. Dabei kann es durchaus auch mal passieren, dass die Chefs durch Aktionen der Gewerkschafter ziemlich eingeschüchtert werden.

Sie arbeiten mit der Gewerkschaft der Angestellten im Lieferservice zusammen, die sich sehr gut zur Wehr setzen können und im Gegenzug von Kriminalisierung bedroht sind: Die Gewerkschaft wurde angeklagt, eine „kriminelle Vereinigung“ zu bilden. Gerade in Nachtclubs ist die Drohung mit körperlicher Gewalt alltäglich.

Die Gewerkschaften sind in einer Verteidigungssituation, sie führen Abwehrkämpfe. Es gibt aber auch Diskussionen darüber, wie eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreicht werden kann und ob ein offeneres Auftreten günstig ist. In der Branche gibt es sehr viel Saisonarbeit mit extrem flexiblen Arbeitsbedingungen.

Die Gewerkschaft beteiligt sich zusammen mit der Gewerkschaft der Angestellten im Lieferservice und einer AG von Journalisten an einem Projekt, das ein gemeinsames Bündnis zum Ziel hat. Sie bereiten gerade den Gründungskongress vor.

Viele Gruppen sind eher atypische Gewerkschaftsgliederungen, weil sie die formellen Voraussetzungen für eine Gewerkschaft nicht erfüllen. Diese verfolgen momentan den Gründungsprozess.

In der Praxis arbeiten sie mit Stadtteilzentren und anderen Gruppen zusammen, denn viele sind nicht in einer Gewerkschaft, sondern in ihren Vierteln organisiert. Viele in der Gewerkschaft sind arbeitslos. Viele Beschäftigte in Griechenland arbeiten mal hier und mal dort und sind daher schwer zu organisieren. Wenn die alle auf die Straße gingen …

Die Gewerkschaft hat in Athen 400 eingetragene Mitglieder, in Ioannina ist eine Gewerkschaftsgruppe im Aufbau, in Thessaloniki und auf Kreta gibt es bereits Gruppen. In Athen sind 30-40 Leute aktiv. Der Gewerkschaftsbeitrag beträgt 5 Euro im Monat, wird aber oft nicht bezahlt, weil die Mitglieder das Geld dafür nicht haben.

Es gibt eine Solikasse für Gerichtskosten.

Bei Aktionen wird nicht nur eine Soliszene mobilisiert, sondern auf gemeinsamen Versammlungen werden Entscheidungen über künftige Aktionen getroffen.

Terror der Arbeitgeber:
Es gab einen Fall, in dem ein Chef eine Waffe gezogen und in die Luft geschossen hat. Aber der Schuss ging buchstäblich nach hinten los, weil es die Betroffenen in ihrer Gegenwehr bestärkt und die Solidarität unter den Kolleg_innen gefördert hat.

Bei einer Streikaktion der Gewerkschaft Buch und Papier hat der Chef die Polizei gerufen, die einige von den Angestellten festgenommen hat. Deren Gerichtsprozess beginnt demnächst.

Die Polizei kann bei solchen Aktionen nicht von sich aus einschreiten, sondern nur, wenn der Ladeninhaber die Polizei ruft.

Diskussion:
Ulrike wird durch die Beispiele, über die berichtet wurde, an die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland im 19. Jahrhundert erinnert. Die Beispiele zeigen immer wieder den Grund dafür auf, warum man sich organisieren muss. Die Situation in Griechenland lässt erahnen, in welche Richtung sich Europa entwickelt und wie wir es nicht haben wollen. Wir werden über Griechenland berichten und die Notwendigkeit betonen, die Vormachtstellung Deutschlands zu brechen, die solche Verhältnisse hervorruft. Unsere Aufgabe ist es, die Zusammenhänge deutlich zu machen zwischen den Verhältnissen in Deutschland und in Griechenland.

Ulrike E., Treffen mit Basisgewerkschaften. Foto: Giovanni Lo Curto

Ulrike E., Treffen mit Basisgewerkschaften.
Foto: Giovanni Lo Curto

Interessiert sich die Kundschaft für die Zustände, für die Arbeitsbedingungen in den Läden?

Nach den Aktionen kommt es vor, dass danach der Laden leer ist. Manchmal gehen alle, ohne zu bezahlen, aber viele haben auch schon resigniert (was sollen wir machen? Ist doch überall so…). Bei Streikaktionen der Gewerkschaft Buch und Papier werden vor dem Laden viele Diskussionen geführt, die dazu führen, dass die Leute dann dort nicht einkaufen.

Martin fragt nach der Konkurrenz zwischen den vielen einzelnen Gewerkschaften, wie sie damit umgehen. Teilweise gibt es gewerkschaftliche, aber auch politische Gründe dafür. Es gibt z. B. eine Berufsgewerkschaft der Buchhalter, die alle Buchhalter organisieren möchte, gleich, in welchem Bereich diese arbeiten. Die Aufsplitterung in viele Einzelgewerkschaften fördert das „Zunftdenken“.

Mittlerweile gibt es eine zweite Generation der Migranten aus Albanien, die sich in der Gewerkschaft organisiert. Die Leute orientieren sich in der Krise eher links. Rassistische und islamophobe Sprüche sind eher selten zu hören.

Die Mitglieder der „Goldenen Morgenröte“ outen sich nicht als solche.

Es gibt in Griechenland eine heftige Diskussion über die imperialistische Politik Deutschlands. „Wenn ich morgens aufwache, gibt es einen Menschen, den ich mehr hasse als alle anderen, und das ist mein Boss. Und der heißt ausgerechnet Germanos!“ (ein griechischer Nachname, der übersetzt „der Deutsche“ bedeutet).

14 griechische Flughäfen sind an ein deutsches Staatsunternehmen (Fraport) verkauft worden. Auch die Telekommunikation und die Energieunternehmen werden von deutschen Unternehmen aufgekauft. Griechisches Staatseigentum wird von deutschen Staatsunternehmen geplündert. Und deutsche Unternehmen wie z.B. Aldi und Lidl sind Vorreiter für den Abbau von Arbeiterrechten.

Doch „Arschlöcher“, Ausbeuter, sind auch die kleinen (griechischen) Bosse. Sie haben beispielsweise beim Referendum mit „nein“ gestimmt, weil die deutschen Unternehmen die kleinen griechischen Unternehmen fertig machen – dabei haben griechische Unternehmen in verschiedenen Balkanstaaten eine ähnliche Rolle gespielt.

Man muss gegen den eigenen, griechischen Imperialismus angehen, aber das ist schwierig, wenn das in Deutschland nicht ebenfalls passiert.
Die deutschen Arbeiter_innen sind keine Gegner, ganz im Gegenteil: Wenn die deutschen Arbeiter_innen es schafften, einen 5-Stundentag durchzusetzen, dann wäre das auch gut für die griechischen Arbeiter_innen.

Manfred fragt, ob sich durch die Syriza-Regierung für sie etwas geändert hätte.

Es war eine Illusion, die Syriza verbreitet hat, dass sich durch eine Syriza-Regierung etwas ändern würde. Jede Partei, die an die Regierung kommt, dient den Kapitalinteressen. „Ob rechts oder links, die Bosse sind dieselben!“ Ihre einzige Hoffnung sind die Kämpfe, die sie selbst führen.

Ihr Besuch im Arbeitsministerium hat sie an die Zeiten unter der PASOK erinnert. Alle ihre Forderungen trafen auf breite Zustimmung – aber nichts davon wurde umgesetzt. Eine Gewerkschaft muss sich immer der Regierung gegenüber in Opposition sehen und die Interessen der Lohnabhängigen vertreten. Die Gewerkschaften in Deutschland vertreten die Interessen des deutschen Staates, mit dem sie eng verflochten sind …

Wir übergaben 300,-€ als Spende für ihre Aktionskasse.

(Brian)

Besuch bei den Basisgewerkschaften (aus einer zweiten Perspektive)

Treffen mit Basisgewerkschaften. Foto: Giovanni Lo Curto

Treffen mit Basisgewerkschaften.
Foto: Giovanni Lo Curto

Wir kommen gerade an, als ein junger Mann spricht. Er ist bei der Gewerkschaft, die fuer Hotels und Gaststaetten zustaendig ist. Wir sitzen dicht gedraengt im Buero der Basisgewerkschaften und hoeren zu.
Die Zustaende in diesem Arbeitsbereich sind katastrophal, Ulrike nennt sie
fruehkapitalistisch. Die Stundenloehne liegen zwischen 3-4 Euro, der gesetzliche Mindestlohn betraegt 3,30 Euro netto. Eigentlich sind gesetzliche Lohnzuzahlungen vorgesehen, die werden aber nicht gezahlt. Die Arbeitszeiten sind unregelmaessig, 15-Stunden-Tage sind haeufig. Die Nachtlokale sind entweder selbst im Besitz der Mafia oder haben mafioese Verbindungen.

Die kleine klassenbewusste Gewerkschaft hat 400 eingeschriebene Mitglieder in Athen. Davon sind 30 – 40 Leute aktiv. Sie zahlen einen Monatsbeitrag von 5 Euro.

Es gibt eine Solikasse fuer Gerichtskosten und Rechtsanwaelte. Jeden Mittwoch gibt es eine Versammlung. Dort wird berichtet, was in den Betrieben
los ist, wo man aktiv werden muss. Die Mittel des Kampfes sind auptsaechlich
unmittelbare Aktionen. Hier wird mir klar, was das ist, die „direkte Aktion“. In den Texten, die ich aus Deutschland kenne,kam mir dieses Wort wie ein mysterioeses Zauberwort vor.

Sehr haeufig werden die Loehne nicht gezahlt, es gibt riesige Ausstaende von 1000 bis 10.000 Euro pro Person. Die Gewerkschaft trommelt eine kleine Aktionsgruppe zusammen, die entweder – je nach Staerke – Flugblaetter mit Informationen ueber den Betrieb verteilt oder den Laden blockiert, um die Lohnaustaende einzufordern.

Sehr haeufig gibt es sexuelle Uebergriffe auf die jungen weiblichen Angestellten. Hier geht die Gewerkschaft auch Wege,die fuer uns eher ungewoehnlich sind, fuer manche unserer Gewerkschafter vielleicht undenkbar. Aber bei uns bekommt man nicht immer sein Recht, wenn man den gesetzlichen Weg geht. In meinem eigenen Mobbing-Fall haette ich mir so eine mutige Truppe gewuenscht, die mir glaubt und mir zur Seite steht.
Bisher hatte die Gewerkschaft eine Verteidigungsposition. Jetzt wird auch ueber eine Strategie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen diskutiert. Geplant ist auch ein Verbund mit drei anderen Gewerkschaften und eine bessere Zusammenarbeit mit der Stadtteilversammlung.

Aus unserer Gruppe wird gefragt, wie die Chefs auf die gewerkschaftlichen
Interventionen reagieren. Es kommt vor, dass sie die Polizei holen. In einem Fall hat der Boss sogar in die Luft geschossen.

Jemand von uns macht den Vorschlag, die Gewerkschaft koenne ein Blatt erstellen mit den „guten“ Restaurants. „Hier essen Sie gut und fair!“ Dann soll es auch eine andere Karte geben „Hier sollen Sie die Zeche prellen!“
Wie ist das Verhaeltnis der Baisgewerkschaften zu Syriza? Syriza haette die Illusion verbreitet, die Dinge koennten sich aendern. Aber Regierungen koennen keine Veraenderungen bringen. Die Bosse bleiben dieselben.

Ich denke an unser Lied: “ Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter sein…“

Nikos berichtet von einer Erfahrung, die ihre Haltung verstaendlich macht: Es gab ein Treffen mit dem Arbeitsministerium. Im Unterschied zu der Zeit vor der Syriza-Regierung konnten sie ganz einfach hineingehen ohne Polizeikontrollen. Im Ministerium sassen Leute von der Strasse. Sie sagten „ja“ zu den Forderungen der Basisgewerkschaften: Wiederherstellung des Tarifrechts, keine Sonntagsarbeit, Stopp der Entlassungen, ja, das wollten sie auch. Was ist aus dem Ja geworden? Mit der Unterschrift unter das 3. Memorandum wurde es zum Nein.

Treffen mit Basisgewerkschaften. Foto: Giovanni Lo Curto

Treffen mit Basisgewerkschaften.
Foto: Giovanni Lo Curto

Diese Jungs von den Baisgewerkschaften wirken gelassen, zuversichtlich und
entschlossen. Mit ihren Aktionen sind sie erfolgreich, sie koennen Leute
gewinnen.Wie sollten sie sich erschuettern lassen von einer schwankenden Syriza? Das Oxi ist da und wird sich wieder ausdruecken, so sagen sie. Ich glaube es.

(Angela)